Ich habe fertig! 5 Monate, 10 Kilo und WW-Wowowowowowowowwwwwwwwwww!!!!!

Ja hallo zusammen!

Mein Name ist Jutta, ich bin 58 Jahre alt und nicht mehr übergewichtig.

Wie es dazu kam – also zum Übergewicht und zum Verlust desselben, könnt ihr hier lesen. Es wird unfassbar grauenhafte Fotos geben, zerrüttende Bekenntnisse und ich warne ausdrücklich vor Nervenkrisen und Abscheu. Wem Abnehmvereine wie Weight Watchers oder Gequatsche über Diäten auf den Geist gehen, der klappe jetzt bitte den Laptop zu. Oder gehe backen. Oder shoppen. Die anderen kochen bitte Kaffee/Tee, lehnen sich bequem zurück und ergeben sich dem Elend meines Lebens.

Vorhang auf!

Wonneproppen.

Es geht die Kunde, dass Wonneproppen bereits mit drei Monaten Frikadellen aß. Jetzt mal ehrlich, Leute, was sollte aus mir schon werden?

Eine Feier in unserer Familie – Codename „Familie Fress“ – ist keine Feier, wenn sich die Tische nicht unter der Last des Essens biegen. War datt Essen nix, war datt Fest nix. Oder der Urlaub. Oder die Einladung. Bevor erörtert wird, wer eingeladen wird, wird erst mal besprochen, was gekocht wird. So simmer nun mal.

Als ich endlich laufen konnte,  war ich immer bestrebt, das Haus der Eltern und meiner drei nervigen Schwestern (die heute die allerbesten sind!!!) zu verlassen, um bei Oma zu wohnen. Die war fußläufig 10 Minuten entfernt und dort hatte ich das Paradies auf Erden. Ich war allein (Oma und Opa hatten im Erdgeschoss ein Bekleidungsgeschäft, in dem sie von morgens bis abends arbeiteten). Ich musste mich nicht bewegen und konnte lesen, lesen, lesen. Ich hatte einen Schrank voller Knabberzeug in Reichweite und am Sonntag wurden Ausflüge gemacht.

Freitags begann ich schon, mich auf das Wochenende vorzubereiten: Weißbrot (= süßer Stuten) bei Bäcker Helpenstein kaufen. Oma vorheulen, dass ich samstags Daktari gucken will und Opa deshalb nicht die Sportschau gucken darf. Oma vorheulen, dass mir von Bockwurst schlecht wird, wenn es Sonntag zum Ausflug mit „Einkehren“ geht. Vom Weißbrot eine dicke Scheibe abschneiden und fett mit Butter und Marmelade bestreichen. Und noch eine. Huch, das halbe Brot ist ja schon weg. Das war ich nicht. Das war Opa.

Das Wochenende: neues Weißbrot kaufen, reicht nicht mehr bis Sonntag. Daktari gucken. Sonntag eine Runde um den Weiher von Schloss Rheydt drehen. Ab zum Hardter Wald, ins HQ, in die „Oase“, einkehren. Oma isst Bockwurst, ich esse Zigeunerschnitzel. Opa ist sauer. Verstehe ich nicht.

Bei Onki und Kiki trinke ich Underberg aus den kleinen roten Deckelchen. Samstags frühstücken wir dort Brötchen mit Butter und gekochtem Schinken, von meiner Schwester Ina eingekauft. Kiki backt „Pottweck“, Stuten aus dem Topf und mit Butter bestrichen, die schmilzt, weil der Weck noch warm ist. Das sind Feiertage, wenn Kiki Pottweck kredenzt. Heute muss ich sagen, dass er eigentlich total misslungen war, ganz großporig und viel zu wenig aufgegangen. Aber damals… Himmel!!!

Bei Oma klaue ich Sherry oder Eierlikör aus der Schrankbar.

Das dicke Kind hat in der Grundschule eine einzige Freundin, Karin, die Metzgerstochter. Wir kaufen von unserem Taschengeld eine Tüte mit 10 Teilchen bei Bäcker Hering, das Stück für 60 Pfennige und essen alle auf. Das machen wir oft. Mittags gibt es dort schon mal „Filetköpfe“ – so was hat die Welt noch nicht gesehen, das schmeckt! Ich bin gerne bei Karin, obwohl sie immer ein wenig nach Geräuchertem riecht. Manchmal darf ich die Därme für die Bratwürste auf die Fülltülle ziehen, das macht Spaß.

Das fette Kind kommt in die Realschule und wird gehänselt. Bei C&A kauft die Mutter Kleidung in „extraweit“. Es kann nicht schnell laufen und springen, die Sportstunden sind eine Tortur. Kasten und Bock – die Wörter des Grauens. Es hat nur Freunde, die auch gehänselt werden. Zum Beispiel Monika, des Schaustellers Töchterlein. Immerhin mit Softeiswagen. Sie bleibt nicht lange in der Schule und mit ihr entschwinden meine Räuber Hotzenplotz Bücher. Ich bin Stier, ich behalte so was.

Die Pausenbrote bestehen aus Oberländer Brot von Aldi und gekochter Mettwurst aus dem Glas. Die schmiere ich mir selber, also fingerdick drauf mit dem Belag. Mindestens. Nach der Schule setze ich mein Taschengeld in „Drei Berliner für eine Mark fuffzich“ oder „Die weiße Crunch“-Schokolade um. Luftschokolade finde ich auch super. Die Berliner esse ich gleich an der Bushaltestelle. Drei. Hintereinander. Danach gibt es Mittagessen.

Irgendwann fangen die „Diäten“ an. Ich will doch so gerne nicht mehr dick sein.

„10 Tage – 10 Pfund“, „Eierdiät“, „Ananasdiät“, „Mayodiät“, „Brigittediät“, „1000 Kalorien-Diät“, „800 Kalorien-Diät“, „Kohlsuppendiät“… es gibt keine Diät, die ich nicht ausprobiere. Ich nehme ab, ich nehme zu, ich nehme ab, ich nehme zu. Ich bin noch ein Kind. Eigentlich.

21. Februar 1976 – ich bin 15 Jahre alt  und werde von einem Auto angefahren. Ein älterer Herr dachte, ich wäre ein „Ast“. Ungefähr so weit fliege ich auch.  Ich sehe mich noch auf dem Weg, kurz vor der Ampel. Stiefel, graues Wollkleid ohne Ärmel, rotes Shirt mit langen Ärmeln. Sehr schick. Die Sachen hat Oma gekauft, durfte ich mir im Geschäft aussuchen. Im Krankenhaus schneiden sie mir die Klamotten vom Leib. Zu dem Zeitpunkt bin ich nicht übergewichtig, kann mich aber nicht erinnern, welche Diät dafür verantwortlich war. Nach sechs Wochen Krankenhaus werde ich gertenschlank entlassen, muss noch lange an Krücken gehen, mein Knie ist steif, irgendwann kann ich wieder laufen, werde noch mal operiert, ich bin dünn und ich bleibe es tatsächlich eine Weile. Vom Schmerzensgeld kaufe ich mir einen Plattenspieler.

Ich gehe aufs Gymnasium. Wilde Zeiten. Kein Abschluss.

Danach eine Weile Schottland.

Ich mache eine Ausbildung, werde Altenpflegerin. Oma bezahlt die Schulgebühren. 150 Mark im Monat.  Es ist anstrengend. Morgens und jedes zweite Wochenende in der Pflege arbeiten, nachmittags Schule. 15 Stunden aus dem Haus von montags bis freitags. Ich bin immer noch schlank.

Ich heirate.

1985 werde ich schwanger. Mein Gewicht im Mutterpass: 60,0 Kilo. Diese Zahl werde ich für die nächsten 33 Jahre nicht mehr auf der Waage sehen. Von nun an geht’s bergauf. Mit dem Gewicht.

Irgendwann geht meine Ehe den Bach runter, ich nehme wieder ab. Ich lerne Norbert kennen – bei uns geht die Liebe durch den Magen. Ich nehme zu. Ich höre auf zu rauchen. Ich bin so fett wie nie.

Ich sehe Fotos aus dem Urlaub

und Fotos von der Couch

und ich weiß, dass es so nicht weiter geht. Ich bin 1,60 m groß und ich wiege mehr als 80 Kilo. Meine Gelenke machen Probleme. Alles macht Probleme. Ich mache eine Umschulung zur Industriekauffrau. Und einen erfolglosen Abnehmkurs bei der AOK.

Ich gehe zu Weight Watchers und nehme 18 Kilo ab – mein Gott, bin ich glücklich. Ich fühle mich wie neu geboren und kann es nicht fassen, dass ich es geschafft habe, sogar Dauermitglied zu werden. 64 Kilo. Ein Traum!

2004 erfülle ich mir einen anderen großen Traum und lege meine Abiturprüfung ab. Mit knapp 44 Jahren, am Abendgymnasium in Bonn. Ach, was für ein erhebendes Gefühl!

So fett wie damals werde ich nie mehr, aber bis an die 75 Kilo werden es dann doch wieder und ich frage mich, warum??? Warum habe ich es wieder so weit kommen lassen? Es geht wieder los mit den Diäten. Mit intermittierendem Fasten nehme ich 2015 toll ab, aber an fünf Tagen in der Woche belohne ich mich für zwei Tage in der Woche, an denen ich „durchgehalten“ habe. Das kann es doch nicht sein.

Das Gewicht steigt wieder, das Rad dreht sich weiter. Ich melde mich wieder bei Weight Watchers an. Online. Ins Treffen gehe ich nicht, brauche ich nicht, kann ich allein. Nicht!

Ich schaffe es einfach nicht, dauerhaft auf ein Gewicht zu kommen, das mir gut tut. Meine Kniegelenke krachen, ich komme kaum die Treppen rauf und runter. Mein Blutdruck ist zu hoch. Mein Cholesterin im Blut ist viel zu hoch. Ich mag mich nicht im Spiegel anschauen. Ich will auch mal schöne Klamotten tragen, ohne den Bauch einzuziehen. Ich will wieder 60 Kilo wiegen. Wie damals, vor 33 Jahren.

Ich will mir ein Sommerkleidchen nähen und das Burda-Schnittmuster sagt: Größe 48. Ich will eine Schneiderpuppe kaufen und ich brauche eine in Größe M – die fängt bei 42 an. Wir buchen einen Urlaub. Wandern auf Mallorca mit einer Gruppe und Führer. Alpinschule Innsbruck. Mallorca. Ich. Mit meinen Knien.

Ich muss was tun und es macht

KLICK!!!

Mittwoch, 16.05.2018: Ich melde mich im Weight Watchers Treffen in Fulda an. Ich habe ein Ziel:

Bis zum Urlaub will ich auf der Weight Watchers Waage 60,0 Kilo wiegen. Und ich will eine Schneiderpuppe in Größe S. Die geht nur BIS 42. Basta!

Die wunderbare Fuldaer Gruppenleiterin Petra Baier motiviert mich von Woche zu Woche. Ich esse gesund, ich esse viel, ich esse abwechslungsreich und mit Genuss. Ich nehme ab. Trotz der Feierei zur Diamantenen Hochzeit meiner Eltern, diverser Einladungen und der ein oder anderen Kuchenschlacht verliere ich im Schnitt 500 Gramm an Gewicht pro Woche.

Am 8.8.2018, mit 64 Kilo, werde ich Goldmitglied, ohne Erhaltungsphase, weil ich schon Dauermitglied bin. Ich bin so überrascht und überwältigt in dem Moment, schöner als Weihnachten und Ostern zusammen ist das.

Damit habe ich nicht gerechnet, ich hatte keine Ahnung. Und ich muss nicht mehr bezahlen.

Heute, Mittwoch, 10.10.2018 habe ich mein persönliches Ziel erreicht, obwohl der Urlaub noch gar nicht ansteht. Ich habe 10,3 Kilo abgenommen, wiege 59,4 Kilo auf der Weight Watchers Waage, habe insgesamt 40 cm Umfang an diversen Stellen verloren, dafür ziemlich viele Falten bekommen und bin unfassbar glücklich. Wie man auf dem Foto unschwer erkennen kann.

Glücklich nicht nur wegen all der Mörder-Klamotten, die ich jetzt tragen kann (s.u.),

sondern vor allem wegen des körperlichen Wohlbefindens, das sich einstellte. Ich bin sehr viel zu Fuß unterwegs und es ist halt ein riesiger Unterschied, ob man 60 oder 70 Kilo rumträgt. Die Knie spüre ich gar nicht mehr und ich muss mich manchmal kneifen, weil ich es nicht glauben kann.

Die Wanderung eben (jetzt ist schon Donnerstag) über 17 km in der Rhön hat jedenfalls hervorragend funktioniert.

Offenbar zeigt sich auch beim Abnehmen der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht. Ohne Druck geht gar nix. Und brav sein will ich auch. Abliefern. Jeden Mittwoch auf der Waage. Als wäre ich acht Jahre alt und nicht 58.

Nun ja, hier jedenfalls war es nur zu meinem Besten. Und weil mein Coach Petra so total kompetent und nett und motivierend und mitreißend und verständnisvoll ist, wollte ich auch immer so ein bissi zurück geben. Um gleichzeitig wieder etwas für mich zu tun. Irgendwie gut, oder? WinWin!

Nun hoffe ich, dass ich am Ball bleibe, mich vernünftig ernähre, mir auch schon mal erlaube, über die Stränge zu schlagen, trotzdem aber wieder zurück zu rudern, wenn der Schweinehund die Macht übernehmen will. Und ich werde weiter in die Treffen gehen. Vielleicht nicht mehr jede Woche, aber regelmäßig.

Essen und Trinken sind meine Seelentröster und gleichzeitig mein größter Fluch. Nichts wandert unbeschwert in meinen Mund, alles wird gescannt, bewertet, eingeteilt. Gut, böse, fett, gesund, brauche ich, brauche ich nicht, esse ich trotzdem. Mir etwas „gönnen“ – das geht am besten mit Essen. Kuchen. Brot. Kohlenhydrate. Fett. Und Alkohol. Nicht viel, aber doch schon mal. Ein schöner Wein macht kurzfristig froh – bis das Hirn anfängt zu rattern. Ich kenne Menschen, die behaupten, nicht darüber nachzudenken, was sie sich in den Mund stopfen. Gibt es das?

Die Balance zu finden, ist schwer. Ich schaffe das oft nicht. Muss mich immer disziplinieren. Habe keine Lust dazu. Jetzt gibt es Alternativen. Die WW-Rezepte aus dem Internet sind meine Rettung. Norbert und ich probieren viel aus und sind immer wieder überrascht. Diese kleinen Twists, die das Tüpfelchen auf dem I sind, gefallen uns.

Viele Wege führen nach Rom, WW ist für mich die einzige Ernährungsumstellung, die bislang immer funktioniert hat. Solange ich die Treffen besuche. Es wird viele Menschen geben, die diese Form des leicht sektenhaften Gemeinschaftserlebnisses ablehnen. Das ist so ein bisschen wie Thermomix für Dicke. Entweder man schwört drauf oder man hasst es. Jeder muss seinen Weg selber finden, jeder setzt seine Messlatte der Zufriedenheit mit sich selbst anders. Ich bin im Moment euphorisch und hoffe, das noch eine Weile zu bleiben.

Mein Gott, gut,  dass ich keine anderen Probleme habe, was für ein Luxus. Ich bin aber trotzdem „over the moon“ und überglücklich, dass ich heute so wenig wiege wie irgendwann vor 1985. Hammer, oder? Her mit der Schokolade! Quiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeetsch!!!!

 

 

 

9 Antworten auf „Ich habe fertig! 5 Monate, 10 Kilo und WW-Wowowowowowowowwwwwwwwwww!!!!!“

  1. Liebe Jutta,

    Hut ab, dass du das so ehrlich und sogar bebildert geschildert hast.
    Ich freue mich riesig für dich, dass du DEINEN Weg gefunden hast und jetzt, da du weißt, was DEIN Weg ist – nämlich WWW incl. Treffen – wirst du dein Gewicht halten.

    Habt einen wunderschönen Urlaub.

    Ganz liebe Grüße
    Eva

  2. Liebe Jutta, ich gratuliere. Echt toll und Falten sehe ich keine! Ich wünschte, ich wäre auch so konsequent wie du. Ich lasse mich jetzt mal von dir inspirieren und hoffe das ich länger als bis zum Nachmittag durchhalte. Liebe Grüße Sivie

  3. Vielen Dank euch goldischen Kommentatorinnen. Ja es stimmt, der Tenor liegt auf „SEINEN Weg finden“ und nicht verrückt machen lassen. Ich hoffe, ich beherzige das weiterhin, was ich hier so euphorisch geschrieben habe. Wie ich mich kenne, werdet ihr es als Erste erfahren 😉
    @Eva: ich habe erst mal Norbert lesen lassen, so ganz getraut habe ich mich zunächst nicht.
    @Sivie: immer konsequent war ich auch nicht, habe die Feste gefeiert, wie sie fielen. Aber dann auch gleich danach weiter gemacht, sonst wär das wieder nix geworden. Das mit den guten Vorsätzen und dem Nachmittag kommt mir irgendwie bekannt vor. 😀

  4. Hallo Jutta,
    Ich freue mich dass du es geschafft hast dein wunschgewicht zu erreichen und drücke die Daumen für’s halten. Deine geschichte war sehr inspirierend u. Ich fühlte mich in die Kindheit zurück versetzt. Alles gute für dich.

  5. Jutta, das hast du super durchgezogen! Du siehst einfach klasse aus 🙂 Ich weiß ja (dank dir!), wie es sich anfühlt, wenn man zufrieden mit sich selbst ist.

    Man braucht einfach Tage zwischendurch, an denen man die Zügel lockerer lässt. Aber dann geht’s mit viel Elan auch wieder etwas strenger weiter – so lässt sich das durchhalten!

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