Rothaarsteig Tag 1 – Anreise nach Brilon

Untertitel: Wie wir uns mal komplett zum Affen machten und das komplett meine Schuld war.

Beginn des Rothaarsteigs

Heute ist Sonntag, der 25. Oktober 2020. Es ist Pandemie, und wir fahren in Urlaub. Zum Wandern. Ins Sauerland. Rothaarsteig. Brilon.

Wir sitzen im Zug und uns ist mulmig. Wie wird das wohl werden in den Hotels, Restaurants, beim Wandern? Werden viele Menschen um uns sein? Werden die Vorschriften eingehalten? Hoffentlich stecken wir uns nirgends an. Wir waren seit März so vorsichtig, haben alle Regeln befolgt, alle Kontakte extremst eingeschränkt und jetzt gehen wir auf die Piste. Mein Gewissen ist nicht rein und alles was erlaubt ist, muss man nicht unbedingt machen. Zudem liegen an manchen Tagen Strecken vor uns, die uns schon ohne die angegebenen Höhenmeter Respekt abfordern. Jeden Tag zwischen 14 und 26 km zu laufen ist auch für uns Wandervögel eine ziemliche Herausforderung. Aber wir sind nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass wir einfach mal loslegen und wenn es uns zu kritisch wird, fahren wir wieder heim.

Gegen 16.00 Uhr erreichen wir das beschauliche Brilon im Hochsauerlandkreis, den Ort, wo unsere erste Etappe morgen beginnen wird. Normalerweise hätten wir ein Taxi genommen. Normalerweise!

Eben noch ein leichtes Tröpfeln, schifft es plötzlich wie aus Eimern, als wir den Bahnhof verlassen und wir haben natürlich nur das Notwendigste dabei. Zwei Trolleykoffer, zwei riesige Rucksäcke und das ganze Gesumms, das ich noch so am Körper trage, weil ich Geocachen will und unsere Touren aufzeichnen muss mittels GPS. Dann noch das Kartenmaterial für den Rothaarsteig-Multicache, der uns den ganzen Weg lang begleiten wird und dessen erste Station in Brilon am Markt liegt. Und genau da müssen wir jetzt hin. Mit dem ganzen Gedöns im Schlepptau. Und viel Wasser von oben. Diskussion ausgeschlossen, es geht ums Cachen, das weiß mein Mann und dementsprechend ist die Stimmung.

Wir also los Richtung Markt. Dort angekommen suche ich mir nen Wolf, werde nass wie eine Katze und mein lieber Mann hält mich für komplett durchgedreht. Mittlerweile dämmert es und bis zum Hotel ist es noch weit. Zu Fuß. Taxi hätte es am Bahnhof gegeben. Aber ihr wisst ja – der Cache.

Zunächst schleppen wir uns nach erfolgreicher Suche noch über gepflasterte und geteerte Straßen, dann wird es allmählich immer unwirtlicher. Falls ihr Phantasie habt, sollte sich jetzt vor eurem inneren Auge Cameron Diaz materialisieren. Kennt ihr? Nicht? Die kleine dünne Blonde, die immer kleine dünne Doofies spielt? Die sich mit ihren Freundinnen zu einer Treckingtour verabredet und dabei rosa Riesenkoffer mitschleppt und meint, mit Stöckelschuhen könne man die Sahara durchqueren? Die immer bemitleidenswert daneben liegt und immer die Arschkarte hat? Genau so sahen wir aus.

Rucksack, Rollkoffer, Regenschirm, ein Waldstück und ein Untergrund, der nicht nur steil aufwärts führt, sondern auch noch die Konsistenz einer schlammigen Steinwüste aufweist. Mit Steinen, die sich SOFORT! zwischen die Rollen setzen. Nach ein paar Metern, mittlerweile ist es dunkel, geben wir auf und laufen zurück, suchen uns einen Weg über die Straße, irgendwie schaffen wir es zum Hotel und sind sowas von froh. Das fängt ja schon gut an.

Im charmanten Hotel ‚Haus Hellhohl‘ werden wir sehr freundlich empfangen, haben ein richtig großes Zimmer, das auch dringend benötigt wird, weil wir unsere total durchweichten Koffer zum Zwecke der Trocknung des Inhaltes ausbreiten müssen. Merke: Unsere Trolleys sind nicht wasserdicht! Die Rucksäcke sind zwar auch nass, aber immerhin einigermaßen dicht. Ab morgen wird Regenschutz aufgezogen.

Die Handtücher im Badezimmer hat vermutlich der befreundete Heinrich Kaczmarek kurz vor Schließung der Kohlengrube aus der Kaue mitgehen lassen. Nach dem Grad der Ausgefranstheit zu urteilen muss das so in den 60er Jahren gewesen sein, aber das ist uns als Globetrotter, die schon in den abgehalftertsten Kaschemmen schliefen, sowas von schnuppe. Wir lachen herzlich und holen unsere Vorräte raus, denn das Restaurant hat geschlossen und wir haben Hunger. Und Durst.

Im Foyer neben der Anmeldung befindet sich eine Art Cafeteria ohne Personal und mit überschaubarem Angebot. Es gibt Getränke in einem Kühlschrank, Knabberzeug und eine Liste, in die man die konsumierten Waren einträgt. Daneben eine Keramikschale für das Geld. Wir staunen Bauklötze, im Sauerland scheinen die Gastgeber Vertrauen zu haben und die Gäste ehrlich zu sein. Erdnüsschen für 1 Euro und eine Flasche Bier für 2 Euro – da kann man nun wirklich nicht meckern. Statt dessen starteten wir durch zu einer feucht-fröhlichen Zimmerparty, um uns herum die herrlichste Ruhe. Ob wir die einzigen Gäste sind, erfahren wir am nächsten Tag.

Die Tour:

2020 10 25: Fulda – Brilon

2020 10 26: Brilon – Willingen (25 km)

2020 10 27: Willingen – Winterberg (23 km)

2020 10 28: Winterberg – Latrop (26 km)

2020 10 29: Latrop – Oberhundem (18 km)

2020 10 30: Oberhundem – Lützel (24 km)

2020 10 31: Lützel – Lahnhof (14 km)

2020 11 01: Lahnhof – Wilgersdorf (22 km)

2020 11 02: Wilgersdorf – Dillenburg (21 km)

2020 11 03: Dillenburg – Fulda

Eine Antwort auf „Rothaarsteig Tag 1 – Anreise nach Brilon“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.